Probiotika – eine Bestandsaufnahme

Stand: 04/30/2019
Noch bis vor wenigen Jahren fand man ein reiches Angebot an probiotischen Lebensmitteln in den Regalen der Lebensmittelgeschäfte – vor allem Milchprodukte, aber auch Frühstückscerealien, Süßwaren oder Säuglingsnahrung. Sie sollten die Darmflora positiv beeinflussen, der Gesundheit zuträglich sein und das Wohlbefinden verbessern. Auch heute gibt es Lebensmittel mit zugesetzten Bakterienkulturen. Nur: Werbeaussagen konzentrieren sich nicht mehr auf diese Zusätze. Der Begriff Probiotika ist quasi verschwunden.

Was sind Probiotika? Warum gibt es sie in der Form heute nicht mehr? Wie kann die Darmgesundheit gefördert werden?


Was sind Probiotika?

Das Wort Probiotika leitet sich ab von „pro“ (lat.: für) und „bios“ (griech.: Leben) und bedeutet sinngemäß „für das Leben“. Probiotika sind bestimmte lebende Mikroorganismen, überwiegend Laktobazillen und Bifidobakterien sowie einzelne Hefestämme, die in ausreichender Menge in aktiver Form in den Darm gelangen und hierbei positive, gesundheitsförderliche Wirkungen erzielen. Die Besonderheit dieser Bakterien ist, dass sie dem Angriff der Verdauungssäfte, insbesondere Magensäure und Gallensäuren, widerstehen und lebend in den Dickdarm gelangen. Probiotische Bakterien werden Lebensmitteln zugesetzt. Außerdem sind probiotische Bakterien als Nahrungsergänzungsmittel und als Arzneimittel erhältlich. Die probiotischen Arzneimittel werden im Weiteren nicht betrachtet.

Abzugrenzen sind die Probiotika von den Präbiotika (Prebiotika). Präbiotika sind Ballaststoffe wie Inulin und Fruktooligosaccharide (FOS), die als unverdauliche Nahrungsbestandteile in den Dickdarm gelangen, dort „Futter“ für probiotische Bakterien sind und so deren Aktivität und Wachstum stimulieren. LINK zum Artikel Darmgesundheit

Weitere Informationen: Darmflora - pflegen und verstehen


Studienlage nicht eindeutig

Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zur Wirkung probiotischer Lebensmittel sind zum Teil widersprüchlich. Hier einzelne Beispiele:
Probiotika sollen die Darmgesundheit und das Immunsystem stärken, sich positiv auf die Psyche auswirken und eventuell auch den Verlauf einer Osteoporose günstig beeinflussen. Damit sich Bakterien im Darm ansiedeln können, müssen die Probiotika täglich und über mehrere Wochen zugeführt werden. Einzelne kleinere Studien deuten darauf hin, dass sich die zugeführten Keime nur bei einem Teil der Probanden einnisten und bei manchen Menschen direkt mit dem Stuhl wieder ausgeschieden werden. Hier scheint die Zusammensetzung der individuellen Darmflora eine Rolle zu spielen und die Frage, ob es innerhalb der vorhandenen Darmflora eine Nische gibt, die die „Neuen“ besetzen können.
Nach Antibiotikaeinnahme sollen Probiotika helfen, die zerstörte Darmflora zu regenerieren. Die Ergebnisse einer Studie geben Hinweise, dass Probiotika sich zwar ansiedeln, aber möglicherweise die Herstellung des ursprünglichen Zustands verhindern.
Günstige Effekte von bestimmten Probiotika zur Remissionserhaltung (Nachlassen der Krankheitssymptome) bei Colitis ulcerosa, bei Reizdarmsyndrom und Durchfallerkrankungen zeichnen sich ab. Konkrete Empfehlungen können zurzeit jedoch noch nicht ausgesprochen werden.
Hersteller von Säuglingsmilchen setzen einigen ihrer Produkte probiotische Keime „nach dem Vorbild der Natur“ zu. Inwieweit damit Neurodermitis oder Allergien vorgebeugt werden kann, konnte bislang nicht eindeutig nachgewiesen werden.


Probiotika und Health Claims Verordnung

Mit Inkrafttreten der Health Claims Verordnung waren die Hersteller von Lebensmitteln gefordert, gesundheitsbezogene Aussagen (sogenannte Health Claims) für ihre Produkte wissenschaftlich zu belegen und der Europäischen Union zwecks Aufnahme in eine Positivliste zur Prüfung vorzulegen. (Nahrungsergänzungsmittel sind im rechtlichen Sinne den Lebensmitteln gleichgestellt).
So darf beispielsweise der Zusatz von lebenden Joghurtstarterkulturen (Lactobacillus delbrueckii subsp. bulgaricus und Streptococcus thermophilus) in Joghurt oder fermentierter Milch beworben werden. Diese Kulturen können die Laktoseverdauung bei Personen, die hiermit Probleme haben, fördern.

Alle anderen Anträge auf Anerkennung eines Health Claims für ein probiotisches Lebensmittel hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bisher abgelehnt mit der Folge, dass seit 2012 nicht mit Aussagen wie „fördern die natürlichen Abwehrkräfte und das Immunsystem“, „unterstützen die Darmflora und die Verdauung“ oder „reduzieren Reisediarrhöe (Durchfall) und virusinduzierte Diarrhöe“ geworben werden darf. Laut Verbraucherzentrale gilt auch bereits der Begriff „Probiotika“ als nicht zugelassene gesundheitsbezogene Angabe.

Dennoch gibt es nach wie vor Lebensmittel mit zugesetzten probiotischen Keimen. Sie heißen heute nur anders, es sind Lebensmittel mit speziellen Bakterienkulturen. Beworben werden auch nicht die potentiellen Wirkungen der zugesetzten Bakterienkulturen, die Werbung bezieht sich vielmehr auf anerkannte gesundheitsförderliche Wirkungen von gleichzeitigen Vitaminzusätzen. Sind einem Lebensmittel beispielsweise probiotische Keime und Vitamin C zugesetzt, so wird die gesundheitsbezogene Angabe „trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei“ auf den Vitamin C-Zusatz bezogen. Eine solche Aussage ist für Vitamin C zugelassen.


Fazit

Der gesundheitliche Nutzen probiotischer Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel ist bislang nicht eindeutig nachgewiesen. Vieles ist im Fluss. Möglicherweise bringen künftige Studien Klarheit.
Die Behandlung von Erkrankungen mit probiotischen Arzneimitteln sollte immer mit dem Arzt abgesprochen werden.

Unabhängig von der Frage ‚Probiotika - ja oder nein‘ kann Ernährung darmgesund gestaltet werden:
  • Greifen Sie zu Vollkornbrot und Getreideflocken.
  • Essen Sie reichlich Gemüse und Salat und nutzen Sie deren große Vielfalt.
  • Essen Sie einmal in der Woche Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen, Linsen oder Kichererbsen. Sie können vielfältig zubereitet werden - als Eintopf, Salat, Bratling oder als Beilage zu Kartoffeln oder Nudeln.
  • Essen Sie zwei Portionen Obst am Tag. Obst schmeckt hervorragend als Nachtisch, zur Zwischenmahlzeit oder im Müsli.
  • Essen Sie täglich Sauermilchprodukte wie Joghurt.
  • Trinken Sie täglich mindestens 1,5 Liter über den Tag verteilt. Empfehlenswerte Durstlöscher sind insbesondere Wasser, Mineralwasser und ungesüßte Früchte- und Kräutertees.


Quellenangaben und weiterführende Informationen





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